aktuell: Tunesien nach den Wahlen

Reisebericht Herbst 2011

Wüsten-Nachklang 2012

Kapellenhof ,  November 2011

„Ein Fremder ist ein Freund, den man noch nicht kennt!“    arabisches Sprichwort

Alle ihr lieben Wüstenfreunde

Nach 6 Wochen in Tunesien, möchte ich euch mal wieder einen kleinen allgemeinen Reisegruß schicken. Nach dieser langen Zeit des draußen Seins ist es ungewohnt, wieder Wände um sich zu haben, die das Innen vom Außen trennen, doch der Blick ist noch weit und offen und Nebel und Wolken sind nur dünne Schleier vor dem großen blaublauen Himmel und die Verlässlichkeit der Sonnen auf- und Untergänge hat sich tief in mein Bewusstsein eingeprägt. Des Nachts weht noch der Sand durch meine Träume, tags erkundet mein Herz schnell die altvertrauten Räume meines Zuhause, Hier! Nur der eilige Schritt der Zeit bedarf erst noch der Anpassung!
Sabar , Sabar... geduldig, geduldig!

Meine erste Wüstentour im Oktober fiel in die Zeit der Wahlen in Tunesien. Im Gegensatz zur letzten Wahl, wo es nur Ben Ali Plakate gab, diese dafür in Übergröße, reichten diesmal kaum die Wände für die vielen kleinen Plakate mit Köpfen von Männern und! Frauen der verschiedenen Parteien. Ich freute mich bei der Fahrt nach Douz über diese neue Vielfalt und auch über die allgemeine Ruhe und Besonnenheit, die ich in Tunesien so sehr schätzen gelernt habe. Bei der ersten Reise sind wir weit im Süden gestartet, noch 3 Tage weiter nach Süden gewandert, bevor wir 10 Tage lang wieder gen Norden zogen. Dort unten zwischen den hohen goldgelben Dünen ist die Stille noch stiller, das Leben von Pflanzen und Tieren seltener und die hohen Dünen mit ihren Kreisformen strahlen eine friedevolle Präsenz und Schönheit aus die jeden Gedanken an Terrorismus oder drohende Entführungen ad absurdum führt. Khalifa und seine Beduinen planen ihre Touren bewusst abseits der gängigen Touristenziele und befahrbaren Pisten. So sind wir 13 Tage lang niemandem begegnet, nicht einmal beim zweimaligen Trinkwasser holen an den Brunnen. Leider haben wir auch Khalifas Vater mit seiner Kamelherde verpasst. Ibrahim fand zwar unweit unseres Lagerplatzes sein Gepäck unter einem Busch, aber auch er war gerade mit den Tieren auf dem Weg zum Brunnen ( 2 Tage hin – 2 Tage zurück). Sein einfaches und so selbstverständliches Leben in und mit der Natur, beeindruckt mich immer wieder und das Leuchten seiner Augen und seine starke  und wundervolle Ausstrahlung zu erleben ist immer wieder ein großes Geschenk .......Inshallah, beim nächsten Mal!

Ja, während wir durch den Sand zogen wurde in Tunesien gewählt, mit einer enorm hohen Wahlbeteiligung und ohne Ausschreitungen oder Proteste, auch wenn bei weitem nicht alle mit dem Ergebnis übereinstimmten. Die siegreiche Partei (mir ist der Name entfallen) hat jedoch den professionellsten Wahlkampf geführt und ist damit den vielen noch neuen Gruppierungen weit voraus. 47 % der Tunesier ist unter 25!!! Es ist ein so junges Land und vieles muss und kann noch wachsen und reifen und sich entwickeln. Der erste und wichtigste Schritt zur Veränderung ist getan, indem das alte ,korrupte Regime von Ben Ali abgelöst wurde .Die Jugend wird lernen müssen, dass Veränderungen Zeit brauchen und Geduld und neue Arbeitsplätze nicht einfach vom Himmel fallen, die Älteren werden sich von einigen traditionellen Vorstellungen lösen müssen ,um sich für neue Wege zu öffnen. Ein sehr spannender und hoffnungsvoller Prozess. Später erzählte mir Khalifa, dass der neue Übergangspräsident aus Douz stammt!!!! Er kennt ihn gut, sie haben viel Vertrauen in ihn und er kennt auch die Situation der Beduinen, auch wenn er selbst nicht aus einer Beduinenfamilie stammt. Das alles stimmte mich sehr hoffnungsvoll!!!!

Die allgegenwärtige Angst des Westens vor einem islamistischen ( = terroristischen) Tunesien ist absurd und beschämend und entbehrt jeder genaueren Kenntnis. So wie in unserem Land selbstverständlich christliche Werte als Grundlage von Politik und Gesellschaft dienen( sollten) und auch extreme Meinungen Teil einer Demokratie sind, so sollte man auch den Ländern in Nordafrika einen gesunden Umgang mit ihren eigenen kulturellen und religiösen Werten zugestehen und zutrauen. Nach wie vor fühle ich mich in Tunesien als Frau – auch als fremde Frau – mehr geachtet und beschützt als in meinem eigenen Land. Die Menschen sind so unglaublich gastfreundlich, hilfsbereit und offen. Während der Gewalt in Libyen waren allein in Douz 2000 Familien ( ca. 5000 Menschen) in Familien untergebracht, versorgt und integriert...nun sind sie alle wieder in ihr Land zurückgekehrt. Ich wünsche mir sehr, dass den Menschen in Tunesien eine Chance gegeben wird, indem die Türe zum Westen offen bleibt und die so wichtigen Touristen mehr und mehr zurückkommen. Nur so kann ein Dialog stattfinden, der auch unsere starren und oft zu schnell bewertenden Sichtweisen gegenüber der arabischen Welt auflockern kann. Immer wieder werde ich gebeten, in Deutschland von meinen Erfahrungen in Tunesien zu berichten, um Vorurteile abzubauen. Letztendlich gelingt das nur durch Erfahrung und so sehe ich meine Arbeit einmal mehr als kleine aber wichtige Brücke zwischen Orient und Okzident. Nicht so sehr auf der Verstandesebene, sondern von Herz zu Herz! Jeder der loszieht, ist mit Zweifeln aus dem nahen oder weiteren Umfeld konfrontiert...jeder der zurückkehrt bringt eine neue Sicht von Tunesien und seinen Menschen nach Hause!!!!

Und unsere Beduinen?! Sie hatten ein sehr, sehr  schwieriges Jahr und es machte mich tief traurig, zu erfahren, dass einige von ihnen ihre Dromedare verkaufen mussten, da sie kein Geld hatten um Futter zu kaufen. Da die meisten Hotels geschlossen hatten, gab es auch keine Gelegenheitsjobs wie z.B. Tagesausflüge. Nun, mit dem Beginn der Wüstenreisezeit und der Dattelernte sind sie zuversichtlicher, wenn auch in dem ihnen eigenen sehr bescheidenen Rahmen! Ich selbst musste bei meiner letzten Tour feststellen, dass einige Dromedare sehr mager waren und Khalifa hat mit jeder Gruppe außergewöhnlich viele Beduinen und Dromedare mitgeschickt. So kamen doch einige Beduinen in den Genuss eines kleinen Verdienstes, die Dromedare konnten nebenher weiden und alle die mit dabei waren, wurden beschenkt  von der tiefen Herzlichkeit, Dankbarkeit und Fröhlichkeit dieser wunderbaren und würdevollen Menschen. Das größte Geschenk das man ihnen und ihren Familien machen kann ist, ihnen Arbeit zu geben. Eine Arbeit, die sie lieben, eine Arbeit, bei der sie angemessen entlohnt werden und eine Arbeit, die sie an ihre eigenen Kraftquellen führt!

 In diesem Sinne:       YALLAH; YALLAH!!!!!!!

Bei den beiden Märzreisen  (3. 3. – 17.3.2012 und 17.3. – 24.3. 2012) gibt es noch freie Plätze!!! Alle anderen Gruppen bis zur Sommerpause sind voll.

Im März ist die Wüste voller Leben: Frühling! Die Hirten sind mit den Schaf und Ziegenherden unterwegs, immer wieder sieht man kleine Kamelkinder mit ihren Müttern und viele Familien verbringen die Schulferien in der Wüste, um ihre Tiere dort weiden zu lassen. Da es verhältnismäßig viel geregnet hat, beginnen schon jetzt die ersten Blumen sich zu öffnen und unter manchem Ginsterbusch wächst feines grünes Gras!!! Das ist wahrlich ein Geschenk des Himmels!!!! März ist eine wunderbare Zeit, um Körper und Seele nach den Wintermonaten auszulüften und mit Licht, Bewegung und Wärme neu aufzuladen!

Ich wünsche euch allen eine segensreiche Adventszeit mit viel Sternenglanz und Himmelslicht, mit einem Lied auf den Lippen und einem Lächeln im Herzen, mit ein bisschen Langsamkeit unter den Füssen und Gelassenheit in den Gedanken, mit dem Glück von Gemeinschaft und dem Segen von All-Ein-Sein.

Von Herzen

Cordula* Mariam